Editorial

Sprache erlangt ihre Bedeutung durch den Gebrauch, das musste sogar der späte Wittgenstein einsehen. Aber was passiert, wenn Sprache im Gebrauch unübersichtlich und unklar wird, ein bestimmter Gebrauch vielleicht sogar überhandnimmt und Alternativen verstellt; oder bestimmte, oft wiederholte Ausdrücke Zusammenhänge verwischen und gehaltlos werden? Diskussionen werden zur inhaltsleeren rhetorischen Übung und Argumente kaum noch sinnvoll formulierbar, wenn durch „langen Gebrauch“ Formulierungen plötzlich „kanonisch und verbindlich“ wirken, obwohl sie eigentlich ein „bewegliches Heer von Metaphern“ sind, wie Nietzsche feststellt. Als ein solches, bewegliches Heer muten Floskeln und Formulierungen an, die sich uns täglich aufdrängen, wiederholt, abgewandelt und weitergetragen werden; wie Setzlinge, die neuen Kontexten aufgepfropft werden und unerwartete (Stil-)Blüten treiben. Foucault beschreibt, wie der Diskurs in diesem Wuchern seiner sprachlichen und schriftlichen Materialität seine eigentümliche Macht entfaltet, der weder Institution noch einzelne Sprecher gewachsen sind. Ausdrücke entziehen sich im Gebrauch dem Sprecher und entfalten eigene Dynamiken.

Wir glauben, dass viele Debatten des öffentlichen Sprachraums darunter leiden, dass einzelne Sätze kontextfrei vervielfältigt werden, bis kein Sprecher mehr den assoziativen Ballast der eigenen Äußerung durchschaut. Wir wollen unserem Unbehagen daran Ausdruck verleihen, indem wir auf solche Situationen hinweisen und den scheinbar anerkannten Sprachgebrauch an aktuellen Beispielen kritisch hinterfragen. Wenn beispielsweise der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ (bzw. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“) auf den Meinungsseiten deutscher Zeitungen, in Form von Fernsehinterviews hochrangiger Politiker oder in bekannten Talkrunden diskutiert wird, fragt kaum jemand, was in diesem Fall mit den einzelnen Bestandteilen der Aussage überhaupt gemeint sein soll. Meinen wir mit ‚Deutschland‘ die Bundesrepublik, die Menschen, die hier leben, das geographische Gebiet, oder vielleicht sogar einen – auf welcher Grundlage auch immer zu definierenden – Volkscharakter? Und was soll es heißen, dass eine Religion oder Glaubensrichtung ‚dazugehört‘? Bedeutet dies die Anwesenheit von Menschen, die einer Religion anhängen, muss diese Religion politisch institutionalisiert sein; oder ist sogar eine essentielle Zugehörigkeit gemeint, wie es der sprachlich oft irrlichternde deutsche Innenminister verstanden hat, sodass er sich zur Verneinung dieses Satzes bemüßigt sah?

Oftmals würde eine solche Begriffsklärung helfen, Diskussionen zielgerichteter und inhaltlich stärker zu machen. Sie kann jedoch nur der erste Schritt sein. Denn die Sprache ist kein neutrales Zeichensystem zum möglichst widerspruchsfreien Austausch klar abgrenzbarer Inhalte, in der Wahrheit und Lüge klar zu differenzieren sind. In vielen Fällen kann die Auseinandersetzung mit typischen Sprach-und Argumentationsschemata vielmehr dazu dienen, die oft verborgenen Voraussetzungen und Implikationen von Denkmustern zu analysieren und deren Stichhaltigkeit kritisch zu reflektieren.

Scheinbar spezialistische theaterästhetische Debatten um „Schauspiel“ und „Performance“ verbergen eindeutige kulturpolitische Interessen, die sich in einen größeren parteipolitischen Zusammenhang einordnen lassen. Das oftmals angebrachte (Schein-)Argument, „Das ist doch nicht mehr zeitgemäß“ oder „So was geht doch nicht mehr im 21. Jahrhundert“ (und sein Negativ: „Das sind ja vorsintflutliche, mittelalterliche Methoden“), gibt, wird es genauer unter die Lupe genommen, seinen engen Zusammenhang mit dem okzidental geprägten Fortschrittsdenken frei.

In vielen Fällen werden solche Sätze als Argumente für Meinungen angebracht, die wir selbst vertreten, und gerade deshalb stören wir uns daran. Wir hoffen, dass wir unsere Leser dazu anregen können, bei sich selbst und anderen Sprechweisen zu hinterfragen und die eigenen Argumente zu klären und weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt werden die hier veröffentlichten Beiträge natürlich auch unsere eigenen sprachlichen Sinne schärfen, ganz im Sinne der „allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Schreiben“, analog zu Kleists bekanntem Aufsatz.

Denn: Nichts schadet der eigenen Position so sehr wie eine schlechte Argumentation.

Wir wünschen eine unterhaltsame Lektüre!