Plädoyer für das zeitlose Argument

Warum ist es allgemein so verbreitet, eine Position daran zu messen, ob sie als zeitgemäß oder nicht gelten kann? Und kann der Bezug auf die Zeitlichkeit überhaupt ein Argument sein? Der Versuch einer Herleitung und Kritik.

Als ich letztens die ZDF-Heute-Nachrichten sah, wurde mal wieder die gängige Formel des „Steinzeitkommunismus“ bemüht, um das politische System Nordkoreas zu beschreiben. Wenig später stieß ich auf den Facebook-Post eines Freundes von den Grünen, der ein Zitat des Extremkletterers Alexander Huber beinhaltete, in dem „diejenigen, die das Tempolimit nicht haben wollen“ als die „Ewiggestrigen“ tituliert werden. Da fiel mir dann wieder der kanadische Premierminister Justin Trudeau ein, der auf die Frage einer Reporterin, warum er die Geschlechterparität im Kabinett für wichtig erachte, öffentlichkeitswirksam geantwortet hatte: „Weil wir das Jahr 2015 schreiben!“

Was haben all diese Aussagen gemeinsam? Sie beschränken das Argument für eine bestimmte Position bzw. gegen eine konträre Haltung auf den Aspekt der eigenen Fortschrittlichkeit gegenüber der Rückschrittlichkeit des Gegenübers. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass in der Steinzeit große Militärparaden abgehalten und Nuklearwaffen produziert wurden und Million Menschen hungern mussten, weil der Alleinherrscher gerne Playstation und Krieg spielt. Außerdem gibt es wohl wenige Angelegenheiten, die so viele klare Argumente in Bezug auf Sicherheit und Umweltschutz für sich einfordern können, wie ein allgemeines Tempolimit. Spielt es da eine Rolle, seit wann unbeschränktes Rasen auf Deutschlands Autobahnen erlaubt ist, wobei ja allein die physikalische Möglichkeit noch nicht seit „Ewigkeiten“ gegeben ist? Und Justin Trudeau hätte man entgegenrufen können: „Also wäre es 1965, oder gar 2014, keine gute Sache gewesen?“ Man kann sich außerdem das triumphierende Lächeln des rechtsradikalen Ideologen Steve Bannon vorstellen, während er zu seinen Anhängern sagt: „Schaut, die liberalen Gleichberechtigungsfanatiker haben keine Argumente, außer dass es angeblich ihre Zeit sei. Aber bald wird wieder unsere Zeit kommen!“

Wir haben in den letzten Jahren eine globale Wiederkehr „rechten Redens“ und autoritärer Verherrlichung erlebt und dabei leider allzu oft keine ausgereifte Gegenrede beobachten können. Nicht, dass fremden-oder frauenfeindliche Ansichten jemals verschwunden waren, aber zahlreiche Emanzipationsbewegungen hatten dazu geführt, dass sich xenophobe oder misogyne Sprechweisen zumindst im öffentlichen Diskurs in die Defensive gedrängt sahen. Lange fiel es dem rechtsgerichteten Denken schwer, der Tatsache, dass zuvor marginalisierte gesellschaftliche Gruppen plötzlich Respekt und Aufmerksamkeit für sich einfordern und ihnen diese auch größtenteils zugestanden wird, etwas entgegenzusetzen. Doch nach und nach entdeckten die Ideologen der „Neuen Rechten“ Schwächen in den Argumentationsmustern ihrer politischen Gegner, oder, wie sie sagen würden, „Feinde“.  Eine solche Schwäche ist die Tendenz, die Fortschrittlichkeit oder Modernität der eigenen Positionen zum entscheidenden Gütesiegel zu erheben. Dabei ist eine solche Fokussierung auf die Idee des Zeitgemäßen, ausgedrückt in Sätzen wie „Sowas kann man doch im 21. Jahrhundert nicht sagen“ oder „Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter“, oftmals nicht nur inhaltlich angreifbar. Nein, viel schlimmer noch: solche Aussagen verdecken oftmals die eigentlich starken Argumentationsmöglichkeiten für emanzipatorische, umweltpolitische oder andere linksgerichtete Positionen.

Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts definierten sich als hochmodern

Historisch gesehen haben verschiedenste, aus humanistischer Sicht oft abscheuliche Haltungen, Modernität für sich beansprucht. Im bürgerlichen Europa des 19. Jahrhunderts fühlte man sich dem Mittelalter in allen Belangen überlegen. Dabei verendeten Massen an Arbeitern in Fabriken und Zechen und dem Großindustriellen war das Leben der Angestellten oft weniger wert war als das des Leibeigenen dem Lehensherren. Es war völlig zeitgemäß und etabliert, Menschen mit weißer Hautfarbe für allen anderen überlegen zu halten und daraus koloniale Herrschaftsansprüche abzuleiten. Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts definierten sich als hochmodern; man denke an die Verbindungen des italienischen Faschismus zum Futurismus, die Idee des reinrassigen „Neuen Menschen“ im Nationalsozialismus oder des russischen „Sowjetmenschen“, der durch seine Teilhabe an der realisierten kommunistischen Utopie allen bisherigen Daseinsformen überlegen sein sollte.

Jetzt könnte man natürlich einwenden: „Genau, und all diese Dinge haben wir durch gesellschaftlichen Fortschritt überwunden und deshalb ist es im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß, diesen Ideologien anzuhängen.“ Das ist richtig, aber eben kein Argument für die Sache an sich, da sich ja in genannten Beispielen das Zeitgemäße in Kontrast zu Konzepten der Menschenrechte und Gleichberechtigung etablierte. Zeitgemäß sein ist ein relativer Zustand, der noch nichts mit dem emphatischen Vertreten eines inhaltlichen Werts zu tun hat. Man sollte einen anderen nicht als „Neger“ bezeichnen, nicht aus dem Grund, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, sondern weil es die Beleidigung und Abwertung eines Mitmenschen allein anhand eines äußeren Merkmals impliziert, ohne Zusammenhang zu dessen Persönlichkeit oder Verhalten. Man sollte einer Frau nicht vorschreiben, sich auf Hausarbeit und Kindererziehung zu fokussieren, nicht weil so eine Bevormundung nicht ins 21. Jahrhundert gehört, sondern weil es keine Legitimation dafür gibt, einer anderen Person ihreLebensgestaltung vollständig zu diktieren.  

Ein beliebtes Argument gegen die Kirchen, insbesondere die katholische, ist, dass sie nicht mehr zeitgemäß seien und sich nun mal dem Lauf der Zeit anpassen müssten. Dabei ist es nicht erst heute ein prinzipielles Problem, wenn eine Institution derart patriarchalisch ist wie die katholische Kirche, und es ist nicht erst im 21. Jahrhundert hochfragwürdig, ein komplettes Geschlecht von allen wichtigen Ämtern fernzuhalten und einen solch verlogenen Umgang zur Homosexualität zu pflegen. Gleichzeitig darf man eben auch nicht vergessen, dass die deutschen Kirchen es waren, die in den letzten Jahren in großer Zahl Flüchtlinge unterstützt und aufgenommen haben und sich hier positiverweise gegen den Zeitgeist der westlichen Welt gestellt haben; diese hatte bekanntlich größtenteils abschottend, selbstgerecht und egomanisch auf Flüchtlingsströme aus kriegsversehrten Ländern reagiert. Auch darf man hervorheben, dass der Prozentsatz der AFD-Wähler unter regelmäßigen Kirchengängern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung weit unterdurchschnittlich, ja fast unerheblich ist. Es kann sich also manchmal lohnen, an Werten festzuhalten und sich Individualisierung und Entsolidarisierung entgegenzustellen.

Noch signifikanter ist dabei das Verständnis des Islam als rückschrittliche Religion. Diesem fehle der Fortschritt durch Aufklärung. Der Islam sei, so zumindest der wohlwollende aufgeklärte Europäer, eben noch nicht soweit und habe viel Nachholbedarf. Eine solche Interpretation ignoriert in der Regel völlig, dass der Islam in Bezug auf Wissenschaft, Philosophie und Anerkennung anderer Religionen, insbesondere dem Christentum, über Jahrhunderte weit überlegen war und verschiedene politische Entwicklungen die islamische Geistesliebe zurückdrängten. Man sollte hierbei beispielsweise nicht vergessen, dass sich der politische Islamismus zum ersten Mal im Sudan des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Kolonialherrschaft des Vereinigten Königreichs herausbildete; jenes Vereinigte Königreich, das sich in der Unterdrückung und Ausbeutung eines Drittels der Welt als Speerspitze der Fortschrittlichkeit wähnte.

Lineares Zeitverständnis und Fortschrittsglaube

Dieser Eigenart westlichen Denkens, das zeitlich Nachgeordnete als höherwertig zu sehen, liegt ein lineares Zeitverständnis zugrunde, das seine Wurzeln wohl in der jüdisch-christlichen Eschatologie hat. Demnach entwickelt sich die Welt stets hin zu einem End-und Höhepunkt der Erlösung. Während das antike Denken Platons und Aristoteles‘ sowie die fernöstliche Philosophie durch Periodizität und die Idee ewiger Wiederkehr geprägt ist, scheint unser Denken oft von einer Art Fortschrittsideologie dominiert. Die Industrialisierung hat diese Form des Denkens auf eine neue Stufe gehoben, indem sie den Grundstein legte für die vergangenen 200 Jahre unzähliger technischer Neuerungen samt Automatisierung, Mobilität, Digitalisierung bis zu künstlicher Intelligenz. Das bürgerliche Selbstverständnis, das sich insbesondere im 19. Jahrhundert entwickelte, propagiert stets Teil des Fortschritts zu sein, in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht, aber auch in kultureller und gesellschaftlicher. Die Verteufelung des Mittelalters als düstere und rückschrittliche Zeit hat nicht zuletzt hier ihren Ursprung. Der selbsternannte liberale Bürger ist geradezu besessen von Wirtschaftswachstum und Wohlstandszuwachs. Er sieht sich als Teil einer nach vorne gewandten Zivilisation, die von technischer Innovation, wissenschaftlicher Vorhersagekraft und Überlegenheit gegenüber vorherigen, rückschrittlichen Generationen geprägt ist. Dabei ist es ein fataler Irrglaube, sich stets auf linearen gesellschaftlichen Fortschritt berufen zu können. Die Ereignisse des 20. Jahrhunderts als Kulmination menschlicher Zerstörungswut haben dies deutlich aufgezeigt. Die verschwendungssüchtigen, hochindustrialisierten Gesellschaften des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts haben die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Zerstörung von Lebensräumen anderer Lebewesen und Beeinflussung des Klimas durch Entsendung von Treibhausgasen auf ein nie erreichtes Niveau gebracht. Im Moment ist man wohl dabei, diesen Planeten in die Katastrophe zu führen.

Doch der Automatismus im Sprachgebrauch ist allgegenwärtig: man setzt eine lineare Entwicklung auf einer zeitlichen Achse voraus und identifiziert den Anfang mit dem Schlechten und das Ende mit dem Guten, quasi vom dunklen Chaos über die Erbsünde und Noahs Arche bis zur Erlösung durch den Sohn Gottes. Es ist eine Grundstruktur des westlichen Denkens, den Gegensatz zwischen Positivem und Negativem zu „verzeitlichen“ – im Unterschied zu Kulturen, in denen ewige Periodizität zeitliche Vor-und Nachordnung irrelevant macht.

Natürlich ist auch das andere Extrem des Anti-Modernismus hochproblematisch, ja oft ideologisch noch verbohrter und verblendeter. Hiermit meine ich die Tendenz, die Vergangenheit zu glorifizieren und zu verklären, repräsentiert durch den wohlbekannten  Ausspruch „Früher war alles besser!“ Oft ist dieses Denken noch unsinniger und engstirniger und nicht umsonst von der „Neuen Rechten“ vereinnahmt: man denke an den Wahlspruch „Make America great again!“, das die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Gipfel der Menschheitsgeschichte stilisiert (was es für manche weiße Männer vielleicht auch war), oder auch „Take back control!“, den Brexit-Schlachtruf, der suggeriert, die zentralisierte Klassengesellschaft Großbritanniens mit ihrem nicht-repräsentativen Wahlsystem gebe den Bürgern mehr Kontrolle als die EU-Zugehörigkeit. Aber auch die „Ostalgie“, in der die DDR-Diktatur verharmlost wird, oder die Verklärung der 70er Jahre in der Bundesrepublik zur liberalen Hochzeit schlechthin, auch wenn Frauen ohne Erlaubnis ihres Ehemannes bis 1977 keiner Lohnarbeit nachgehen durften, sind Beispiele für nicht-haltbare Glorifizierungen der Vergangenheit.

Natürlich soll das hier kein Text sein, der die Möglichkeit von Fortschritt oder offensichtliche Verbesserungen der letzten Dekaden, insbesondere in gesellschaftspolitischer Hinsicht, verneint. Auch ist es in vielen Fällen enorm wichtig, historische Entwicklungen zu analysieren und aus diesen zu lernen. Aber allein auf die Tatsache zu verweisen, dass es jetzt nun einmal so sei, und Alternativen als unzeitgemäß zu diskreditieren, hat keinerlei argumentative Aussagekraft. Vielmehr geht die Abwertung einer anderen Meinung als rückschrittlich, überholt oder altbacken in der Regel am Kern der Sache vorbei. Eine Idee oder Meinung muss als solche überzeugen können, nicht, weil sie en vogue ist. Oftmals lohnen sich eben auch Unzeitgemäße Betrachtungen, wie schon Nietzsche wusste.

 

Bild: pexels.com

1 thought on “Plädoyer für das zeitlose Argument

  1. Bin völlig einverstanden! Das Argument lässt sich auch auf die Trends in der Geisteswissenschaft übertragen: wer strukturalistisch, wissenschaftsgeschichtlich usw. arbeitet, weil es gerade *in* ist, der verfehlt evtl. ein tiefgehendes Verständnis der Gegenstände, die sie/ihn interessieren. Es verengt auch den Diskurs an der Universität im Allgemeinen. Ein anderes Problem, aber doch eng verbunden mit dem Thema des Artikels.

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