Von der Utopie zur Realität: Der kostenlose Nahverkehr

Warum kostenloses Busfahren einfacher umzusetzen ist als ein schlechter Kohlekompromiss

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Wie bringt man die Menschen vom Auto in den öffentlichen Nahverkehr? Man verbessert das Angebot und macht ihn kostenlos. Geht nicht? Falsch! In der belgischen Stadt Hasselt revolutionierte der damalige Bürgermeister Steve Stevaert im Jahr 1997 den Nahverkehr, um den ausufernden Autoverkehr einzudämmen: er machte die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos und baute diese zusätzlich massiv aus.1 Der Effekt war mehr als erstaunlich, denn die Innenstadt Hasselts verwaiste nicht, wie so manche Konservative befürchten, sondern blühte auf. Das Busfahren wurde so attraktiv, dass viele Menschen ihr Auto freiwillig stehen ließen. Die Verkehrssituation entspannte sich, Straßen wurden zurückgebaut und mit Bäumen bepflanzt und die Verkehrssicherheit erhöhte sich. Menschen aus ärmeren Verhältnissen waren auf einmal mobil und konnten mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Durch weniger Autos vervielfachten sich die Besucherzahlen und der Einzelhandel boomte. Die Revolution war ein voller Erfolg.

Dieses bemerkenswerte Beispiel macht deutlich, welch positive Effekte mutige Entscheidungen haben können und dass weniger Autos keine Verschlechterung oder Bevormundung darstellen müssen, sondern vor allem Freiheit und Gerechtigkeit bedeuten. Das Ziel moderner und durchdachter Verkehrspolitik muss sein, Mobilität so zu gestalten, dass Einzelpersonen nicht mehr auf einen privaten PKW angewiesen sind und freiwillig Alternativen nutzen.

Die Debatte über kostenlose öffentliche Verkehrsmittel in Deutschland im Rahmen des Dieselskandals war relativ schnell beendet, ohne dass es Fortschritte gab.2 Aber das Ziel muss ja nicht unbedingt ein kostenloser Nahverkehr sein, es wäre ja bereits ein enormer Fortschritt, wenn der Nahverkehr ausgebaut würde und die Fahrpreise zumindest sinken würden. Dies würde die Attraktivität von Bus und Bahn deutlich steigern. Das wäre immer noch ein besserer Kompromiss als der aktuelle Kohlekompromiss. Ganz zu schweigen vom gesellschaftlichen Nutzen, der enorm wäre.

Warum wird die Diskussion darüber, dass alle BürgerInnen kostenlos mit Bussen und Bahnen fahren können, also nicht ernsthaft in Deutschland geführt? Der ehemalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hatte das Thema Verkehrswende beispielsweise nicht auf der Agenda. Er konzentrierte sich auf den Straßenbau3 und es gibt Hinweise darauf, dass die deutsche Autoindustrie die Verkehrspolitik beeinflusst.4 Der aktuelle Verkehrsminister Andreas Scheuer setzt ebenso andere Prioritäten — insbesondere seine absurden Mautpläne sorgten mitunter für Entsetzen5 — oder prescht mit fragwürdigen Vorschlägen wie zur Zulassung von Lufttaxis6 voran. Ein konsequentes, flächendeckendes Konzept für eine Verkehrswende liefert er allerdings nicht.7 Nach wie vor hat der Ausbau des Straßennetzes Priorität. So fließen 54 Prozent der staatlichen Investitionen in die Infrastruktur sowohl in den Neu- und Ausbau als auch in den Erhalt von Straßen.8 Entscheidende Impulse und Rahmenbedingungen der obersten Bundesbehörde für einen kostenlosen Nahverkehr bleiben also außen vor, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass die Debatte als solche zum Erliegen gekommen ist.

Das aktuelle Gegenargument in der Diskussion um einen freien Nahverkehr ist vor allem die Finanzierungsfrage. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes Gerd Landsberg sagte dazu, dass die Kommunen und Verkehrsbetriebe die Kosten nicht übernehmen könnten.9 Laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) benötigen die Verkehrsbetriebe circa 12 Milliarden Euro im Jahr, von denen die Hälfte aus dem Ticketverkauf kommt.10

Dem sei gegenüber gestellt, dass Bund und Länder jährlich circa 55 Milliarden Euro für die Zerstörung der Umwelt und klimaschädliche Praktiken ausgeben.11 Dies geschieht in Form von Subventionen unter anderem für Kohle, Dieselkraftstoff oder Flugbenzin. Diese Subventionen könnte die Regierung Schritt für Schritt umleiten und in Maßnahmen investieren, die der Umwelt und damit der Allgemeinheit zu Gute kommen. Möglich wäre beispielsweise der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, aber auch ein niedrigerer Preis von Ökostrom oder günstigere biologische Lebensmittel wären denkbar. Weitere Finanzierungsmöglichkeiten für einen guten und günstigen Nahverkehr wären die Einführung einer City-Maut in Ballungsräumen, höhere Parkticketpreise und die Beendigung teurer Bauprojekte wie Tunnel, Straßen oder Autobahnen, die wieder nur den Autoverkehr unterstützen und Staus massiv fördern. Die Einnahmen könnten dann in die öffentlichen Verkehrsmittel und Radwege investiert werden und kämen der gesamten Gesellschaft zugute.

Mit diesen Maßnahmen ließe sich ein effizienter und vor allem kostengünstiger Nahverkehr realisieren. Die Akzeptanz in der Bevölkerung würde sich erhöhen, wenn man das eigene Auto auch einmal problemlos stehen lassen kann und trotzdem schnell ans Ziel kommt. Darüber hinaus profitieren alle Bürgerinnen und Bürger von diesen Maßnahmen und insbesondere einkommensschwächere Haushalte werden mobiler. Ganz zu schweigen von den Menschen, die nicht Auto fahren können oder dürfen. Und ist es nicht echte Freiheit, wenn man auf einen teuren privaten PKW verzichten kann und trotzdem mobil ist? Spätestens mit einem guten Carsharing-Angebot als Ergänzung kann man dann guten Gewissens auf sein Auto verzichten, zumindest, wer das möchte.

 

Bild: People standing inside train, Quelle: www.pexels.com

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Personennahverkehr_in_Hasselt (aufgerufen am 22.07.2019)

2 https://taz.de/Kostenloser-Nahverkehr-und-Fahrverbote/!5484698/

3 https://www.deutschlandfunk.de/bundesverkehrswegeplan-es-ist-keine-verkehrswende.694.de.html?dram:article_id=362053 (aufgerufen am 21.08.2019)

4 https://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/autolobby-verhindert-aufklarung-des-abgasskandals,  https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/greenpeace-legt-das-schwarzbuch-autolobby-vor-a-1086886.html

5 https://taz.de/Verkehrsminister-Andreas-Scheuer/!5607745/

6 https://www.zeit.de/news/2019-03/11/scheuer-will-schnell-neue-gesetze-fuer-lufttaxis-schaffen-190310-99-320303

7 https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-08/andreas-scheuer-verkehrswende-verkehrsminister-autofahrer-massnahmen

8 https://www.tagesspiegel.de/politik/investitionen-in-die-infrastruktur-150-mal-mehr-strassenkilometer-als-schienenstrecke-gebaut/24268820.html (aufgerufen am 23.08.2019)

9 https://www.tagesschau.de/inland/oeffentlicher-nahverkehr-kostenlos-101.html (aufgerufen am 23.08.2019)

10 https://www.spiegel.de/auto/aktuell/kostenloser-nahverkehr-so-reagiert-die-deutsche-politik-a- 1193327.html (aufgerufen am 23.08.2019)

11 http://www.taz.de/Bundesamt-fuer-Naturschutz/!5585263/ (aufgerufen am 22.07.2019)

1 thought on “Von der Utopie zur Realität: Der kostenlose Nahverkehr

  1. Ich kann dem Artikel ohne Vorbehalte zustimmen.
    Es wäre sicher von großem ökologischen Nutzen, wenn der öffentliche Nahverkehr kostenlos zu nutzen wäre. Außerdem würde es für sozial schwächere Bevölkerungsschichten die Mobilität erhöhen und damit die Lebensqualität verbessern.
    Zwei weitere Aspekte fallen mir dazu ein:
    – Der öffentliche Nahverkehr müsste seine Qualität und Zuverlässigkeit verbessern. Z.B. im Großraum München und in der Stadt gibt es oft Ausfälle, Verspätungen, Pannen vor allem bei der S-Bahn. Dies ist ein Grund, warum einige Leute lieber mit dem Auto in die Stadt fahren.
    – Der öffentliche Nahverkehr auf dem Land müsste ausgebaut werden. Die Verbindungen mit Bahn oder Bus sind ungenügend oder gar nicht vorhanden. Viele Menschen sind daher auf das Auto angewiesen, z.B. um in die Arbeit zu kommen.

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